Home » Krupp: neuer Bildband vom alten Krupp-Werk in Rheinhausen

Krupp: neuer Bildband vom alten Krupp-Werk in Rheinhausen

Krupp-Stahlwerk Rheinhausen

surreale Zeitreise von Volker Wendt

Krupp-Stahlwerk Rheinhausen
größter Streik in der Geschichte der Bundesrepublik 1989
Tausende von Stahlkochern demonstrierten 1989 160 Tage lang für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Der Kampf begann am 11.4.1988 mit einer Mahnwache vor dem Landtag von NRW, Foto: WAZ, künstl. Veränderung: Revierkohle
Erinnerungstafel Rheinhausen
als der Arbeitskampf seinem Höhepunkt entgegen ging, besetzten die aufgebrachten Stahlwerker die Brücke in Rheinhausen. Eine Gedenktafel erinnert noch heute an diesen längsten Arbeitskampf

der längste Arbeitskampf

Vor 33 Jahren erstarrte das Blut in den Adern aller Kruppianer und der meisten Duisburger. Die Krupp Stahl AG verkündete das Aus für ihr Hüttenwerk in Duisburg-Rheinhausen zum 31.12.1988. Die Schockstarre wandelte sich daraufhin in Wut und es begann ein beispielloser Arbeitskampf. Für den Erhalt von 5600 Arbeitsplätzen gingen die Beschäftigten monatelang auf die Strasse und besetzt-en die Brücke von Rheinhausen. Unter dem Motto “ wenn es an der Ruhr brennt, hat der Rhein nicht so viel Wasser, um dieses Feuer zu löschen“ machten die Stahlkocher auf ihre existenzbedrohende Lage aufmerksam. Und sie fanden Gehör und Unterstützung.

Die Villa Hügel in Essen wurde von Mitarbeitern, von nicht betroffenen Bürgern und rd. 10.000 Schülerinnen und Schülern be-lagert. Bei einem ökumenischen Gottesdienst stimmten Tausende von Stahlarbeiterfrauen das Lied „Keiner, keiner schiebt uns weg!“ an. Plötzlich sangen weitere 20.000 Menschen mit. Das war echte Solidarität.

Der damalige Betriebsrat Walter Bruckschen konnte zusammen mit dem damaligen OB Josef Krings immerhin die sofortige Schließung des Werkes verhindern. Die 100-jährige Friedrich-Alfred-Hütte in Duisburg-Rheinhausen wurde aufgrund des Arbeitskampfes erst Ende 1992 endgültig dichtgemacht. 

3000 Stahlwerker wurden bis 1993 in die Thyssen-Werke Beeck, Bruckhausen und Düsseldorf-Benrath sowie bei den Krupp-Mannes-mann-Werken und Krupp-Fahrzeugbau untergebracht. Am 19.8. 1993 wechselten die letzten 1900 Stahlwerker zu den Hoesch-Stahlwerken nach Dortmund. Alle restlichen Arbeitnehmer konnten ab dem 56. Lebensjahr in den Vorruhestand gehen.

200 Arbeiter wurden noch bis 1998 mit Rückbau-und Aufräum-arbeiten auf dem Werksgelände in Duisburg-Rheinhausen be-schäftigt. Unter dem Strich hat sich der Arbeitskampf gelohnt, da kein Kruppianer arbeitslos wurde. Allerdings sah das für die Be-schäftigten der Zuliefererfirmen anders aus. Viele von ihnen wurden entlassen.   

 

Tor 1 Krupp-Stahlhütte Duisburg-Rheinhausen
ehemaliges Tor 1 des Krupp-Hütenwerks mit Stahlbetonschwebedach von 1958 . Heute steht an dieser Stelle leider nur noch eine Gedenktafel. Foto: Revierkohle

die Zeitreise

Kurz nach dem die letzten Stahlwerker die Hütte verlassen hatten, erhielt der Fotograf Volker Wendt 1993 die Gelegenheit, das verlassene Werksgelände noch einmal abzulichten, bevor eine Umnutzung zum Logistikstandort „Logport“ vorgenommen wurde.

Das Ergebnis des künstlerisch-historischen Streifzuges liegt jetzt in einem Bildband mit 65 einzigartigen Industriefotos vor. Der Band trägt den schlichten Titel “ Krupp Rheinhausen.“

Der Ästhetik einer verlassenen Stadt aus Stahl kann sich der Be-trachter kaum entziehen. Denn Wendt versteht es auf meisterhafte Weise, durch die Art der Aufnahme das Herz der Menschen zu berühren.

Man spürt die leise aufkommende Melancholie beim Anblick der funktionslos gewordenen Hochöfen, die fast mystisch Alpha und Omega, Anfang und Ende stellvertretend symbolisieren. Man spürt: hier ist etwas Bedeutsames gestorben. Und in der Tat: die Hochöfen wurden am 2.4. und 23.9.2000 gesprengt.

Dann wiederum denkt man beim betrachten des nächstes Fotos, das hier nur ein Päusken gemacht wird. Denn auf dem Steuerstand für die Sinteranlage liegt noch die aufgeschlagene Bild-Zeitung nebst einer  halb gefüllten Kaffeetasse sowie ein griffbereiter Helm mit Handschuhen. Und trotzdem herrscht Totenstille.  

Fast surreal wirkt es, wenn man das kilometerlange Gewirr von Anlagen, Hallen, Förderbändern, Steuerständen und Rohren aus der Fernsicht betrachtet , während das Auge schon das nächste Foto wahrnimmt. Diesmal Details verrosteter Armaturen in Sepia-Farben. Abgehackte Schienenstränge die ins Nichts verlaufen. Daneben Schienenbegleitgrün inmitten wilder Blumen.

Dieser Ort hat viele Generationen geprägt und er hat genau so wie die Zechen vielen Menschen den Wohlstand gebracht. Über die Menschen, die in der Krupp-Hütte in Duisburg-Rheinhausen malocht und gekämpft haben, werden wir in einem gesonderten Beitrag ein-gehen. Seien Sie gespannt.  

Krupp-Stahl AG

was blieb

Werkssiedlung Bliersheim

Neben einer Gedenktafel am ehemaligen Tor 1, dem Werks-hafen mit Anschußgleisen sowie dem ehemaligen Betriebs-Casino ist von dem gigantischen Hüttenwerk nur die unter Denkmalschutz stehende Beamtensiedlung Bliersheim für höhere Krupp-Angestellte in Duisburg-Rheinhausen übrig-geblieben.

Die Siedlungshäuser wurden zwischen 1903 und 1910 erbaut und befinden sich in einem erbarmungswürdigen Zustand, da sie seit der Stilllegung nicht mehr bewohnt werden. In der Mitte der parkähnlichen Wohnanlage erreicht man über einen Wegering das Haus des ehem. Direktors mit Kutscherhaus. 

Um den Ring gruppieren sich die mit 7-8 Zimmern großzügig ausgestatteten und bis zu 400 qm großen 9 Villen der Be-triebsführer und Assistenten. Die Meisterhäuser lagen etwas abseits. Der Standort wurde so gewählt, damit der Bereit-schaftsdienst auf der Hütte schnell zur Stelle sein konnte. Für leitende Angestellte bestand bis 1950  Residenzpflicht.

Die Siedlung Bliersheim ist im englischen Landhausstil mit Jugendstilelementen errichtet worden. Das noch heute in Betrieb befindliche Casino stand früher nur leitenden Ange-stellten und ihren Gästen zur Verfügung.

Wegen der angespannten Lage von Thyssenkrupp als Nach-folgefirma konnten bisher keine Gelder für die dringend not-wendige Sanierung der Häuser bereitgestellt werden.

seit 40 Jahren unbewohnt: Beamtensiedlung Bliersheim für höhere Krupp-Angestellte von 1910 - Fotos: Revierkohle

Lost Places

Beamtensiedlung

DU-Bliersheim

ehemaliger Betriebsrat Volker Wendt
Theo Steegmann

Den neuen Bildband über das alte Krupp-Hüttenwerk in Duisburg-Rheinhausen könn en Sie über den ehemaligen Betriebsrat und heutigen Leiter des Krupp-Archivs Rheinhausen, Theo Steegmann, tele-fonisch unter der Rufnummer

                        0162- 4000394

bestellen. Das Buch kostet 40,00 EUR. In Kürze wird das Buch auch im Buchhandel  erscheinen.

 
 
 

Quellenhinweise:

NRZ vom 26.11.1987 und 12.12.2017; Westf. Rundschau vom 29.12.2020; WAZ vom 26.11.2012; 10.02.2018 und 29.12. 2020;  Krupp Stahlwerk Rheinhausen, Friedrich-Alfred-Hütte, Landschaftsver-band Rheinland (Hrsg.), in: kuladig.de; Blach, Bernhard: Krupp-Beamtensiedlung Bliersheim, in: Montankultur-Rückblick 2010, Revierkohle (Hrsg.), Kiel 2011, S. 100 ff sowie RK-Redaktion vom 09.01. 2021

Fotonachweise:

Header: Michael Gaide, Hintergrund: Peter H., pixabay.com, alle anderen Fotos da-runter: Revierkohle

Theo Steegmann: Tanja Pickartz, NRZ, Freistellung: Revierkohle

Diesen Beitrag teilen
Schlagwörter: