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Kohleöfen: vom Feuer zum Heizkessel

Kohleofen 1950

auch heute noch schippen viele Ruhris Kohlen in den Ofen

Kohleofen 1950
Kochherd und Küchenofen zugleich. Ein Standardofen aus den 40er Jahren, Foto: Merry Christmas, pixabay.com

Am Anfang war das Wort und das Wort wohnte bei Gott heißt es im Johannesevangelium (Joh 1, 1-3). Bezogen auf uns würden wir sagen: am Anfang war das Feuer und das Feuer wohnte im Ofen.

Wobei wir damit schon bei der Geschichte der Heizung wären. Und die beginnt schon mit dem Lagerfeuer vor rd. 800.000 Jahren.  Denn es diente den Frühmenschen zum Schutz vor Kälte, zur Ab-wehr von Raubtieren sowie zur Zubereitung der Nahrung.

Hierbei benutzte man Kinspane. Dabei drehte man mit den Händen ein weiches Stück Holz durch ein hartes Stück Holz. Um den Kin-span wickelte man Stroh. Durch die Reibung entstand Wärme, die das Stroh zum Glimmen brachte. Dann mußte man nur noch pusten und entstand eine kleine Flamme. Damit konnte man weiteres Holzstück entzünden.  

Mit den ersten Behausungen wanderte auch das Feuer in die Wohn-stätten. Die Feuerstätte befand sich dabei meistens in der Mitte eines Zimmers. Das kann man sich in alten Kotten-Museen heute noch anschauen. Das Feuer rückte erst ab dem Zeitpunkt zur Wand, als die Wohnstätten mehrgeschossig wurden.

Einen Hauch von Moderne gab es allerdings schon in der Römer-zeit. Etwas um das Jahr 0 herum haben die Römer die sog. Hypo-kaustenheizung erfunden. Dabei wurden in die Wände und im Fuß-boden eines Gebäudes Hohlräume angelegt, in die heiße Luft von einer kontrollierten Feuersteuer aus eingeleitet wurde. Das Prinzip ähnelt dem der heutigen Fußbodenheizung. Die ersten Holz-Küchenöfen entstanden im 8. Jahrhundert nach Christus. >

Nach dem die Römer ebenfalls die erste Warmwasserheizung mit Hilfe von  Viadukten und Steinrohren erfunden hatten, dauerte es weitere 1700 Jahre, bis 1716 der Schwede Marten Trivald erneut die Warmwasserheizung erfand. Für Jedermann erschwinglich wurde diese allerdings erst um 1900 herum. Zu dieser Zeit heizte man in waldreichen Regionen mit Holz und im Ruhrgebiet setzte man auf die Kohle.

Der große Durchbruch der Zentralheizung erfolgte allerdings erst mit Ende des 2. Weltkrieges 1945. Das Wohlstandsprasseln im eigenen Ofen begann. 

Zwar wurden nach dem 2. Weltkrieg im Rahmen des Wiederauf-baus viele Häuser mit Gas und Öl sowie mit Fernwärme umge-rüstet, aber die Kohleheizung blieb aufgrund des niedrigen Preises weiterhin der Favorit in deutschen Haushalten.

Und im Ruhrgebiet ist das häufig auch heute noch so, erzählte uns der letzte Kohlenhändler im Ruhrrevier und Revierkohle-Mitglied, Thomas Seidelmann, von der Brennstofffirma Seidelmann in Essen. Seidelmann war über Jahrzehnte lang der Hauptlieferant, der im Auftrag der RAG viele Haushalte und Bergleute belieferte. Die Berg-leute hingen auch deshalb an ihrer Kohlenheizung, weil sie kosten-frei 3 Tonnen Deputkohle pro Jahr von der RAG erhielten.

Was uns besonders erfreut: die Firma Seidelmann beliefert auch heute noch mehrere Tausend Kunden mit hochwertiger Kohle.

Auch wenn die Klimaarlamisten ständig die Klimakatastrophe be-schwören, die uns allen wegen der C02-Emissionen bedroht, so weicht doch die unbegründet verbreitete Angst schnell, wenn man sich vergegenwertigt, welch heimelige Augenblicke der Entspann-ung ein Kaminoffen bereiten kann.

Viele Menschen, die einen Ofen trotz Zentralheizung zusätzlich nutzen, tun dies aus irrationalen Gründen. Wir wollen es echt und rußend haben und gerne auch ein bisschen schmutzig (nicht nur beim Sex). Denn in einer Welt, die riesengroß, kalt und aalglatt ge-worden ist und wo die meisten möglichst effektiv, teamorientiert und reibungslos funktionieren sollen, um dem globalem Wettbe-werb Parolie zu bieten, da sehnen sich die Menschen nach Schönem, Authentischem und Ursprünglichem.

Dieser Anachronismus führt auch dazu, das wieder mehr Bücher gelesen werden, das man einen Füllfederhalter benutzt und das man sich gerne den einen oder anderen Feuerfunken aus dem Kaminofen in den Anzug bzw. in das Kleid sengen läßt.         

Jessica Gerlach (37), GE

freut sich über die wohlige Wärme

Albert Gottwald (77) Castrop

ärgert sich über den Verlust der Deputatkohle

Jens Meyer, Fa. Seidelmann GmbH

Auslieferungsfahrer

Für das saubere abladen einer Tonne Kohle brauchen wir mit zwei Mann eine halbe Stunde. Die Kohle wird in Säcken ausgeliefert. Die 25 Kilo-Säcke sind mit Kohle befüllt, die fein gemahlen wurde, damit die Heizung nicht verstopft.

Seidelmann LKW

Familie Seidelmann betreibt in 4. Generation seit 1889 einen Brennstoffhandel in Essen

ein moderner LKW im Einsatz

Bergmannsfrauen beim Quätschen

im Ruhrgebiet der 60er Jahre

Wie sah der Alltag mit dem Kohleofen im Ruhrgebiet der 60er und 70er Jahre eigentlich konkret aus ? Diese Frage beantworten wir unterhaltsam in unserem neuen Podcast. Sie finden diesen in unserer Mediathek oder auf Podcaster.de, Apple-i-Thune oder Spotifey ab dem 23.02.2021 

Quellenhinweise:

Tagesspiegel vom 22.12.2007; Westfälische Nachrichten vom 04.02.2018; Heizung.de vom 05.04.2020; Süddeutsche Zeitung vom 30.01.2019; Aachener Zeitung vom 16.0.2019; PM vom 13.02.2021 sowie RK-Redaktion vom 18.02.2021

Fotonachweise:

ganz oben links: Merry Christmas (Pseudonym), pixabay.com; links darunter: Füße vor dem Kamin: Jill Wellington, pixabay.com; darunter: Ofen: Revierkohle; Mitte: Feuerstelle: pixabay.com; rechts oben: Brennstoffhandel Seidelmann GmbH; rechts darunter: Hans-Rudolf Uthoff, aus: Tief im Westen, Essen 2010 

Dieses luxuröse Wohlstandsverhalten stellt allerdings ein Vergnüg-en besonderer Art da. Für die Menschen in der Zeit vom 18. Jahrhundert bis ungefähr 1970 sah das zugegebenermaßen etwas anders aus. Da war das heizen mit Kohle eine Notwendigkeit, wenn man eine warme Stube haben wollte oder wenn man die Wäsche waschen wollte. Für viele Hausfrauen war das mit knüppelharter Arbeit verbunden. 

Natürlich war es auch schön und gemütlich. Vor allem zur Weih-nachtszeit. Wenn draußen der Schnee fiel, das Feuer im Ofen loderte und Vater sein Akkordion herausholte und Weihnachtslieder spielte, dann waren mein Bruder und ich stets entzückt. Auch das spielen auf der Kohlenhalde in Gelsenkirchen-Rotthausen machte einen Riesenspaß, erzählt RK-Chef Bernhard Blach.

Weniger spaßig war es für unsere Mutter, wenn diese die Staub-schicht auf den Möbeln und die Schlacke aus dem Ofen jeden Tag entfernen mußte.

Aber der Kohleofen verbreitet nicht nur wohlige Wärme eigener Art, sondern er ist in vielen Haushalten auch heute noch ein echter Kosteneinsparer. So kosten z.B. 2 Tonnen Anthrazit Nuss Klasse 3  nur 640 Euro. Damit kommt man normalerweise durch den Winter.  Alle 14 Tage muss Kohle im Vorratsbehälter nachgefüllt werden. Und noch ein Vorteil hat der Kohleofen bzw. der Kamin: ihre alten Ikea-Möbel können sie bequem verbrennen, ohne sich einen Tag für die Sperrmüllabfuhr frei nehmen zu müssen. 

Sollten Sie nun auf dem Geschmack gekommen sein, so beachten Sie beim Kauf eines Kohleofens bitte, dass dieser gem. eines neuen Entwurfs der 1. Bundesimmissionsschutzverordnung den Grenz-wert zwischen 4 und fünfzehn Kilowatt pro Raumgröße nicht über-schreiten darf. Ausnahmen bestehen allerdings weiterhin, wenn Sie diesen zum kochen, baden oder backen benutzen. Ausnahmen bestehen auch weiterhin für Kohleöfen, die vor 1950 eingebaut wurden. 

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