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Kalibergbau im Wendland um 1874

wir besuchten das Museum Wustrow in Lüchow

Abriss des Fördergerüstes des Kali-BW Teutonia, Schacht Rudolph 1927, Foto: Walter Kranz, in: Brohm, Ulrich, Hoos-Meyer, Elke (Hrsg.) Kali und Leinen, Wustrow 2005, S. 234

Wir staunten nicht schlecht, als uns der diensthabende Museumsführer des Museums Wustrow in Lüchow-Dannen-berg (Ursprungsheimat der AKW-Bewegung) die umfangreiche HO- und DELIKAT- Lebensmittel-Sammlung aus der Ex-DDR samt zahlreicher Unikate aus jener Zeit zeigte und erläuterte, sondern er wies auch darauf hin, dass  in Wustrow eine große Leinenweberei und drei Kali-Bergwerke betrieben wurden. Hierbei handelte es sich um die Zechen Teutonia/ Rudolph; Wendland und Ilsenburg.

Das Museum Wustrow hat daher – neben erhaltenen Relikten – auch einen Geschichtspfad zur Industriekultur in Wustrow und Umgebung angelegt und ein Buch mit dem Thema “ Kali und Leinen 1874 bis 1928″ herausgegeben. (s.u.)

Und obschon dem Kali-Bergbau in Wustrow nur eine kurze Lebenszeit beschieden war ( 1906 bis 1928) , scheint diese Zeit bei den Einwohnern nicht in Vergessenheit geraten zu sein. Davon zeugt der immer noch bestehene Bergmanns-verein Glückauf Wustrow und Umgebung e.V., der 1906 ge-gründet wurde sowie die bestehende Zechensiedlung des ehemaligen Rudolph-Schachtes in der gleichnamigen Strasse in Wustrow.

Bergwerke im ländlichen Raum

MOTOR DER WIRTSCHAFTLICHEN ENTWICKLUNG

Als um 1850 die Industrialisierung Deutschlands begann, da war die Kohle der Impulsgeber für das wirtschaftliche Wachstums und ein Garant für Wohlstand und Sicherheit. Viele Kleinbauern arbeiteten Anfangs sowohl als Bauer als auch als Bergmann im Stollen und im Gedinge. Die Berg-werke wurden meistens auf dem platten Land errichtet, da sich die flözführenden Schichten im ländlichen Raum vom Süden nach Norden erstreckten.

Ähnlich verlief der Bau von Kali-Bergwerken zur Herstellung und Verarbeitung von Kalisalzen, die die Landwirtschaft zur Düngung ihrer Äcker bernötigte. Der mineralische Kunst-dünger trug dazu bei, das die Ernteerträge immens ge-steigert werden konnten (ohne Glyphosat, da dieses Breit-bandherbizit erst 1950 erfunden wurde). So auch in Wust-row und Umgebung. Darüber hinaus versprach das weiße Gold für die Zechenbetreiber eine unerhört hohe Rendite.

Kaliagenten vereinbarten mit den Grundbesitzern zwisch-en 1896 und 1906 Kaliverträge. Erst danach konnte die Bohrgesellschaft beim Hannoverschen Oberbergamt die Mutung beantragen. Danach erteilte das Oberbergamt die Gerechtsame.

Die Bergbaugesellschaft Teutonia brachte 16 Bohrungen , die Bergbaugesellschaft Wendland 4 Bohrungen, die Berliner Bergbaugesellschaft Zentrum 8 Bohrungen sowie die Bohrgesellschaft Frischglück Spandau 5 Bohrungen im Auftrag der Gewerkschaft Nordenhall bei Gorleben nieder. Man wurde stets fündig. 

Nach etlichen weiteren Bohrungen wurden die Bergwerke errichtet. Als erstes erfolgte der Spatenstich für den Schacht Rudolph im Beisein zahlreicher Honorationen am 16.10.1905. Der Schacht erreichte 1907 seine Endteufe mit 375 uNN. 1908 begann die Förderung auf dem Kali-BW Teutonia. 1917 begann die Gewerkschaft Wendland mit der Steinsalzförderung in drei Bergwerken.

Nach der Fertigstellung auch des Direktorenhauses 1920 übernahm der Konzern Neu-Straßfurt-Friedrichshall die Bergwerke. Durch Reichsverordnung mußte der Betrieb 1920  eingestellt werden. Die große Zeit des Kalibergbaus im Landkreis Lüchow-Danneberg war damit schon wieder vorbei.

Von den Übertageanlagen dieser Zechen ist nichts mehr übriggeblieben. Nur einige Gleise und Prellböcke der ehe-maligen Grubenanschlussbahnen sind erhalten geblieb-en.

Im ehemaligen Fabrikantenhaus der Leinenweberei Fried-rich & E.Wentz befindet sich heute das Museum Wustrow, welches vom Museumsverein Wustrow betrieben wird.

Den Besuch dieses Museums können wir sehr empfehlen, da das Museum thematisch breit aufgestellt ist. So wird neben der Geschichte des Kali-Bergbaus auch die Sozial-und Wirtschaftsgeschichte des ehemaligen Zonenrand-gebietes zur DDR als auch die Technikgeschichte themati-siert.

Und wer  nach dem rd. 2-stündigen Rundgang Lust auf mehr hat, kann sich noch die 20 Zechenhäuser und die Kali-Brücke anschauen.

Zechensiedlung Wustrow um 1908, Foto: Museumsverein Wustrow
Zechensiedlung Wustrow im heutigen Zustand (Aufnahme von 2018), Foto: Museumsverien Wustrow e.V.
Sitz des ehem. Leinen-Fabrikanten E.Wentz, heutiger Sitz des Museums Wustrow, Foto: Museumsverein Wustrow e.V.

Das Buch kann im Buchhandel unter der ISBN-Nr. 3-935971-20-6 zum Preis von 25,00 EUR erworben werden. 

Das Museum Wustrow erreichen Sie unter der Anschrift:

Lange Str. 9

29462 Wustrow

Tel.: 05843-244

Öffnungszeiten:

Fr. bis So. und Feiertags: 14.00 h bis 17.00 h

Mit der Gründung der Kali-Bergwerke Teutonia/Rudolph, Wendland und Ilsen-burg um 1905 sowie der Inbetriebnahme der Leinenweberei Friedrich & E. Wentz wurde das agrarwirtschaftlich geprägte Städtchen Wustrow aus dem Dorn-röschenschlaf wachgeküsst. Es war der Beginn eines kurzen Wachstums- und Modernisierungsprozesses, den sich die Landbevölkerung zu jener Zeit kaum vorstellen konnte. Die vielen Zuwanderer veränderten nicht nur das Ortsbild, sondern das gesamte Leben in der Gegend. Wustrow wurde kurzzeitg sogar eine Hochburg der Arbeiterbewegung, die ihren Ursprung in den großen Berg-arbeiterstreiks um 1889 hatte. Leider endete die wirtschaftliche Blüte im hannoverschen Wendland schon wieder 1926. Sowohl alle Kali-Bergwerke als auch die Leinenweberei wurden ge-schlossen. Zwar wurde die Leinen-produktion nach dem 2. Weltkrieg wieder aufgenommen, aber dann wurde die Produktion 1964 endgültig einge-stellt. Seit dem herrscht in Wustrow wieder „tote Hose.“

Über die etwas spannendere Zeit haben sich die Autoren Ulrich Brohm und Elke Meyer-Hoos so ihre Gedanken gemacht und zahlreiche Recherchen betrieben. Auf 292 Seiten erzählen sie in ihrem Buch „Kali und Leinen im Raum Wustrow 1874 bis 1928“  über die Veränderungen des Landstrichs, über die Auswirkungen der Industriealisierung auf das Leben der Bewohner und über die wirtschaft-liche Prosperität, die mit der Industrieali-sierung verbunden war. 

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