Das Ruhrrevier hat den Steinkohlenbergbau schon seit 2018 hinter sich gelassen – aber der Bergbau ist noch lange nicht aus der Landschaft verschwunden. Unter Straßen, Siedlungen, Wäldern und ehemaligen Zechenanlagen liegen kilometerlange Streckennetze, Schächte und Hohlräume. Und dort sammelt sich Wasser.
Was früher eine zwingende Voraussetzung für den Abbau von Kohle war, ist heute eine der großen Ewigkeitsaufgaben des Nachbergbaus: die Grubenwasserhaltung.
Denn würde man die Pumpen einfach abschalten und das Wasser sich selbst überlassen, würden die alten Grubenanlagen langsam volllaufen. Das ist grundsätzlich Teil des heutigen Grubenwasserkonzepts – allerdings kontrolliert. Tag und Nacht überwacht und mit großem Abstand zu wichtigen Grundwasserhorizonten. Das Wasser soll sich unter Tage auf definierte Niveaus anheben, gleichzeitig muss verhindert werden, dass Grubenwasser und nutzbare Grundwasservorkommen miteinander in Kontakt kommen.
Und genau deshalb stehen heute dort, wo früher Kohle gefördert wurde, keine Kohlenzüge mehr bereit, sondern Pumpen.
2019 wurde auf der ehemaligen Schachtanlage Pluto/Wilhelm in Herne die neue zentrale Grubenwasser-Leitwarte errichtet. Über diese Leitwarte werden Tag und Nacht die Grubenwassermengen, die Fließgeschwindigkeit, die Temperaturveränderungen, die Sediment- und Mineralienkontrolle von Leitwartenfahrern überwacht und gesteuert. Auch der Zugang zu den Grubenwasserzechen wird von dort aus gesteuert. Im Bedarfsfall und bei Reparaturen fahren die RAG-Mannschaften (derzeit noch rd. 400 Mann) auf den Zechen an und können dort die Hängepumpen warten. Seit kurzem existiert auf dem Pluto-Gelände eine Neue Halle mit Kauen und Büros, in der rd. 50 Ersatzpumpen bereitstehen. Weitere 200 Mitarbeiter kümmern sich um die Schachtsanierung und Verfüllung alter Bergbaustandorte sowie die Sanierung von ehemaligen Kokereiflächen sowie dem Polderbau.
Damit das Ruhrrevier und das ehemalige Saarland-Revier nicht absäuft, betreibt die RAG eine große und kostenintensive Grubenwasserhaltung im Rahmen der sog. Ewigkeitsaufgaben. Die Kosten werden von der RAG-Stiftung getragen. Damit Sie mal eine Vorstellung davon haben, mit welchen Grubenwassermassen wir es an Rhein und Ruhr sowie im Saarland zu tun haben. listen wir Ihnen die Fördermengen auf den einzelnen Grubenwasserzechen (GWZ) zur Veranschaulichung einmal auf:
GWZ: Walsum, Duisburg: 2,6 Mio Kubikmeter pro Jahr
GWZ Friedlicher Nachbar, Bochum: 13,6 Mio Kubikmeter pro Jahr
GWZ Robert Müser; Bochum: 12 Mio Kubikmeter pro Jahr
GWZ Haus Aden, Bergkamen: 14,9 Mio. Kubikmeter pro Jahr
Heinrich III, Essen-Überruhr: 13,6 Mio Kubikmeter pro Jahr
Lohberg, Dinslaken (geplant ab 2030) 33 Mio. Kubikmeter pro Jahr
GWZ Duhamel/Reden, Saarland: 15 bis 19 Mio. Kubikmeter pro Jahr
GWZ Anthrazit-Ibbenbüren, Standort Hörstel-Gravenhors: 6,8 Mio. Kubikmeter pro Jahr
Zusammen genommen werden an Rhein und Ruhr rund 70 Mio. und im Saarland rund 26 Mio. Kubimeter Grubewässer gefördert, aufbereitet und in den Rhein bzw. in die Saar abgeleitet.
Wegen der sommerlichen Hitzeperiode mußte die Pumpleistung, insbesondere auf der GWZ Walsum, gedrosselt werden, weil der Rhein nur noch Niedrigwasser führte.
Die Grubenwasserzeche des ehemaligen Bergwerks Heinrich III in Essen-Überruhr ist die einzige Zeche, auf der das Grubenwasser mit Hilfe von Kreiselpumpen und Steigrohren von unter Tage gefördert wird, anstatt, wie auf allen anderen Anlagen, mit Hilfe von Hängepumpen im Brunnenbetrieb über Tage. Das hängt damit zusammen, das auf Heinricht III auch das Trinkwasser kontrolliert wird und das Grubenwasser aus den südlichen Wasserprovinzen angenommen wird. Gleichzeitig soll durch den untertägigen Betrieb verhindert werden, das die Grubenwassermassen weiter in die nördlich gelegenen Wasserprovinzen fließt. Da die Mannschaften daher weiter auf Heinrich III unter Tage auf 480 Meter normal Null einfahren, mußte in 2019 aufgrund des Alters auch die kompletten Schachteinbauten erneuert und ertüchtigt werden.
Genau hier zeigte sich im Sommer 2026 die eigentliche Kunst der modernen Grubenwasserhaltung.
Das unter Tage anfallende Wasser wird nicht erst dann betrachtet, wenn irgendwo eine Warnlampe aufleuchtet. Die Wasserstände, Zuflüsse und technischen Anlagen werden kontinuierlich überwacht. Das Integrale Monitoring dient darüber hinaus dazu, Veränderungen beim Grubenwasseranstieg, bei Wasserqualität, Ausgasungen und möglichen Bodenbewegungen frühzeitig zu erkennen.
Während einer Niedrigwasserphase bedeutet das: Die Fördermengen werden dem zulässigen beziehungsweise wasserwirtschaftlich verträglichen Rahmen angepasst, während gleichzeitig die Entwicklung des Grubenwassers unter Tage beobachtet wird.
Das Wasser wird also gewissermaßen „geparkt“ – allerdings nicht in einem riesigen unterirdischen Tank, sondern in den vorhandenen Hohlräumen und Wasserwegen des Grubengebäudes. Genau deshalb sind Wasserstandsmessungen und die Kenntnis der untertägigen Wasserwege so wichtig.
Die Mannschaften der RAG müssen dabei zwei Dinge gleichzeitig im Blick behalten:
1. Wie viel Wasser kommt aus der Grube nach?
und
2. Wie viel Wasser darf beziehungsweise kann der aufnehmende Fluss gerade verkraften?
Das ist Grubenwassermanagement im eigentlichen Sinn.
Wenn eine Niedrigwasserphase endet und der Fluss wieder ausreichend Wasser führt, kann die Förderleistung schrittweise wieder hochgefahren werden.
Bei modernen Brunnenwasserhaltungen übernehmen dabei Tauchmotorkreiselpumpen die Arbeit. Diese gewaltigen Aggregate hängen in sogenannten Hüllrohren im Schacht und fördern das Wasser aus dem wasserführenden Niveau nach über Tage. Die RAG setzt dabei auf Pumpen, die mehrere Pumpenstufen kombinieren und einen Förderdruck von etwa 80 bar aufbauen können. Eine solche Einheit kann rund zwölf Meter lang sein und bis zu 20 Tonnen wiegen.
Das Wiederanfahren ist deshalb keineswegs dasselbe wie das Einschalten einer Gartenpumpe.
Nach einer längeren Drosselung beziehungsweise Abschaltung muss der Betriebszustand der Anlage kontrolliert werden. Dazu gehören – abhängig von Standort und Betriebszustand – die Kontrolle der elektrischen Versorgung und der Messwerte, die Prüfung von Armaturen und Förderleitungen, die Überprüfung der Pumpe und ihrer Betriebsparameter sowie ein kontrolliertes Anfahren. Anschließend wird die Förderleistung entsprechend der wasserwirtschaftlichen Vorgaben stufenweise angepasst.
Die öffentlich zugänglichen Quellen der RAG dokumentieren die konkrete Sommermaßnahme 2026 allerdings nicht in einer detaillierten Schritt-für-Schritt-Betriebsanweisung. Deshalb wäre es unseriös, einzelne Prüfhandlungen als tatsächlich an diesem konkreten Tag durchgeführt darzustellen, wenn dafür keine veröffentlichte Quelle vorliegt.
Technisch entscheidend ist aber das Prinzip: Nicht der Rhein bekommt plötzlich wieder die volle Pumpmenge serviert. Die Wasserhaltung wird an die aktuelle Situation angepasst.
Mit dem Wasser kommt auch die Frage nach seinen Inhaltsstoffen.
Grubenwasser ist kein klassisches „Abwasser“ im kommunalen Sinn. Es entsteht aus Wasser, das in die ehemaligen Grubenräume gelangt und dort über lange Zeiträume mit Gestein und bergbaulichen Hinterlassenschaften in Kontakt steht. Außerdem hat das braune Grubenwasser einen hohen Salzgehalt, richt nach Schwefel und führt Stoffe mit sich, die nicht in das Trinkwasser gelangen dürfen. (Altöle, Altmüll, PCB-Stoffe, Sulvate etc.)
Ein Teil der Grubenwasserstrategie besteht deshalb darin, durch den kontrollierten Anstieg des Wassers die Kontaktflächen und Fließwege zu verändern. Die RAG erwartet dadurch an verschiedenen Stellen eine geringere Mineralisierung und einen geringeren Stoffaustrag.
Wo das allein nicht genügt, kommen Aufbereitungsanlagen ins Spiel.
Haus Aden ist hierfür das große Beispiel im östlichen Ruhrgebiet. Dort soll vor allem Eisen aus dem Grubenwasser entfernt werden. In Ensdorf an der Saar entsteht parallel ein weiteres großes Aufbereitungskonzept für die künftige zentrale Wasserhaltung Duhamel. Dort sollen künftig rund 15 Millionen Kubikmeter Wasser aus den Wasserprovinzen Duhamel und Reden zentral gehoben und vor der Einleitung in die Saar aufbereitet werden.
Das Prinzip ist überall ähnlich: Pumpen holen das Wasser aus der Tiefe, Aufbereitung nimmt problematische Inhaltsstoffe heraus, und erst danach geht das Wasser zurück in den natürlichen Wasserkreislauf.
Duhamel gehört streng genommen nicht zum Ruhrrevier, sondern zum Saarrevier. Für das Verständnis der RAG-Wasserhaltung ist der Standort trotzdem interessant, weil dort gerade sichtbar wird, wohin sich das System entwickelt.
Ende 2025 wurden am Standort Duhamel die Pumpen abgeschaltet. Im Frühjahr 2026 folgte Reden. Dadurch beginnt der kontrollierte Zusammenschluss der beiden Wasserprovinzen. Das Grubenwasser soll auf maximal etwa -320 Meter NHN ansteigen und künftig zentral am Standort Duhamel in Ensdorf gehoben werden.
Das Prinzip lautet also auch hier:
weniger einzelne Pumpstandorte – größere zentrale Anlagen – höhere Pumpniveaus – geringerer Energieaufwand – kontrollierte Einleitung.
Damit ist Duhamel zugleich ein Vorgeschmack auf das, was im Ruhrgebiet bereits an mehreren Stellen umgesetzt wird.
Der Standort Lohberg in Dinslaken ist für das mittlere Ruhrgebiet besonders wichtig. Hier sollen künftig Grubenwässer aus mehreren heute noch getrennten Wasserprovinzen zusammengeführt werden. Dazu gehören unter anderem Sälzer-Amalie, Zollverein XII, Carolinenglück und Prosper-Haniel. Auch die Wasserprovinz Auguste Victoria soll künftig über Lohberg entwässern.
Das Ergebnis wäre eine erhebliche Entlastung kleinerer Gewässer. Die Emscher soll dadurch vollständig von Grubenwasser entlastet werden; auch die Lippe würde spürbar weniger Grubenwasser aufnehmen müssen. Das Wasser soll stattdessen über Lohberg in den Rhein gelangen.
Die Jahreszahl 2030 ist dabei als Planungsmarke zu verstehen, nicht als harter Schaltertermin. Die RAG teilte 2025 mit, dass das Grubenwasser am Standort Lohberg voraussichtlich nach 2030 das vorgesehene Niveau von -630 Meter NHN erreicht und dann die Pumpen wieder in Betrieb gehen sollen. Die drei Schächte Lohberg 1 und 2 sowie Hünxe werden dafür zu Brunnenwasserhaltungen umgebaut. Hünxe, Carolinenglück, Zollverein XII, An der Haard, Fürst Leopold und Auguste Victoria 8 wurden bereits zum Sicherungsstandort umgebaut. An den Standorten wurden Hüllrohre in den Schächten eingebaut. Diese können im Notfall wieder geöffnet werden und jeweils 3 Hängepumpen aufnehmen.
Die künftige Dimension ist beachtlich: Für Lohberg ist eine Einleitung von maximal rund 33 Millionen Kubikmetern Grubenwasser pro Jahr vorgesehen. Das Wasser vom Schacht Hünxe muss dafür zunächst über eine rund sechs Kilometer lange Leitung nach Lohberg geführt werden. Von dort geht es weiter Richtung Rhein.
Die Ableitung zum Rhein wird überwiegend unterirdisch gebaut. Die RAG plant dabei Rohrvortrieb, sodass nicht kilometerlang offene Gräben durch die Landschaft gezogen werden müssen.
Quellenhinweise:
RAG-Pressemitteilung vom 12.08.2026; WDR.de vom 11.08.2026; Revierkohle.de vom 21.01.2025 (neue GW-Leitwarte auf Pluto); wdr.de vom 11.08.2026 und 21.09.2026; focus.de vom 20.08.2026; SR.de vom 05.05.2026 sowie RK-Redaktion vom 21.09.2026
Fotonachweise:
Header: Hintergrund: KI-geneiert: Vorderseite: Robert-Müser in Bochum: Ki-generiert; links darunter KI-generiert; rechts darunter: Heinrich III: Youtube-Screenshot; links darunter (v.l.n.r.) die ersten 6 Fotos: Revierkohle: letztes Foto (Walsum): Youtube-Screenshot

