78 Mio. Euro für einen klimagerechten Raum
Quellenhinweise:
RAG-Pressemitteilung vom 14.01.2026; Revierkohle.de/Archiv vom 27.02.2019; landschaftsagenturplus.de vom 14.10.2021; essen.de vom 06.08.2025; freiheit-emscher.de; efre.nrw; nrw-urban.de; radioessen.de vom 08.01.2026, waz.de vom 14.11.2025 sowie RK-Redaktion vom 19.01.2026
Im Essener Norden und im Bottroper Süden will die EU gemeinsam mit dem Land Nordrhein-Westfalen 78 Millionen Euro bereitstellen, um auf dem 29 Hektar großen Gelände der einstigen Zeche Emil Emscher eine „grüne Stadt“ zu schaffen – ein Vorzeigeprojekt für Klimaschutz, nachhaltige Stadtentwicklung und zirkuläre Wirtschaft, so NRW-Staatssekretär Paul Höller bei der Überreichung des Zuwendungsbescheids an die OB´s von Essen und Bottrop, Thomas Kufen (Essen) und Matthias Buschfeld (Bottrop) und im Beisein von Michael Kalthoff, GF RAG Monatn Immobilien sowie Uli Paetzel, Vorstand der Emschergenossenschaft.
Doch bei allem Frohlocken aus interessiertem Mund bleibt das Ziel einer grünen Stadt durch Renatuierung ehemaliger Bergbauflächen im Revier bei nüchterner Betrachtung eher eine politisch-ideologische Wunschvorstellung, die mit den harten Realitäten von Klima, Wirtschaft und Standortqualitäten nur begrenzt in Einklang zu bringen ist. Das hatten wir bereits ausführlich dargelegt (siehe > hier: )
Da das Projekt ab Frühjahr 2026 nun aber tatsächlich umgesetzt wird und damit die Brachfläche des ehemaligen zentralen Kohlenlagers der RAG nun endgültig verschwinden wird, nehmen wir die bevorstehende Umsetzung zum Anlass, noch einmal das Projekt kritisch zu hinterfragen.
🌱 1. Aus grün wird nicht automatisch klimagerecht
Das Bottrop sich als „Vorreiterstadt im Klimaschutz“ schon seit einigen Jahren feiert, gehört seit der Stilllegung des letzten Bergwerks Prosper Haniel in 2018 zum lokalen Selbstverständnis.
Doch das Klima kann man nicht schützen. Weder im Sinne eines lokal begrenzten operativen Eingriffs – das Klima ist ein globales System, dessen Entwicklung durch Emissionen und natürlichen Schwankungen bestimmt wird, nicch durch eine gemeinsame EU-Regelung. Selbst wenn Bottrop morgen null CO₂-Emissionen vorweisen könnte: der Effekt auf das globale Klima wäre nicht messbar und weil die C02-Emissionen nur sehr begrenzt zur Erderwärmung beitragen können. Auch das hatten wir bereits ausführlich mehrmals dargelegt.
Klimaschutz ist ein gesamtgesellschaftliches, global koordiniertes Unterfangen – nicht etwas, das einzelne Städte im Alleingang mit Leuchtturmprojekten erreichen können. Wobei wir hier lieber von Umweltschutz sprechen wollen.
2. Nachhaltige Stadtentwicklung: Wunsch und Wirklichkeit
Nachhaltige Stadtentwicklung sollte aus unserer Sicht mehr sein als die Anlegung von Grünflächen, Solardächern und Fahrradwegen. Diese Schmalspur-Nachhaltigkeit wurde bisher auf fast allen ehemaligen Bergbauflächen und Schienenstrecken der ehemaligen Bahn-und Hafenbetriebe der RAG praktiziert. Das Ergebnis waren nicht mehr Arbeitsplätze, wie versprochen, sondern endlose Rad-und Latschwege mit umfassendem Wegebegleitgrün.
Wirkliche Nachhaltigkeit erfordert ganz anderes Maßnahmen als da wären:
. funktionierende soziale Infrastruktur,
- bezahlbaren Wohnraum,
Zugang zu neuen Arbeitsplätzen,
langfristige wirtschaftliche Perspektiven.
Vor allem letzteres steht in Bottrop in Frage: Die Stadt kämpft wie viele ehemalige Bergbauregionen mit Strukturwandel, Fachkräftemangel und begrenztem Wirtschaftswachstum.
78 Millionen Euro klingen nach viel Geld – sie sind aber ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn es um echte strukturelle Veränderungen geht.
Die Gefahr: Eine „grüne Stadt“ wird zum Schaufensterprojekt mit hohen Erwartungen, aber ohne tragfähige wirtschaftliche Basis.
Innovative Konzepte wie zirkuläre Wirtschaft brauchen oft deutlich mehr Initialkapital und vor allem Unternehmer, die vor Ort entsprechende Strukturen aufbauen und betreiben. Daran fehlt es in beiden Städten.
3. Warum der Standort nicht einfach ideal ist
Das Gelände der ehemaligen Zeche Emil Emscher liegt in Bottrop-Welheim, unmittelbar angrenzend an die Kläranlage der Emschergenossenschaft – ein infrastrukturell wichtiger, aber funktional schwieriger Standort für eine grüne Stadt:
Altlasten und Bodenqualität: Ehemalige Industrieflächen sind meist kontaminiert; aufwendige Sanierungen sind nötig, bevor Wohn-, Gewerbe- oder Freizeiträume entstehen können. Das ist extrem kosten-, zeit- und risikointensiv.
Infrastrukturelle Deprivation: Die unmittelbare Nähe zu einer Kläranlage ist funktional sinnvoll für die Region – aber in der Wahrnehmung vieler Menschen kein attraktiver Wohn- oder Arbeitsort. Akzeptanzprobleme könnten die Ansiedlung von Menschen und Unternehmen erschweren.
Zirkuläre Wirtschaft als Anspruch vs. Realität: Nachhaltiges Wirtschaften funktioniert dort am besten, wo ein ökonomisches Ökosystem existiert, das Stoffströme, Transformation und Nachfrage effizient verbindet. Eine isolierte Fläche ohne bestehende industrielle Wertschöpfungsketten, relevanter Zulieferer oder Forschungsnetzwerke ist kein Selbstläufer für Kreislaufwirtschaft.
Ohne ansässige Industriepartner, Startups, Ausbildungs- und Forschungsinstitute bleibt das Konzept eher ideologisch als operational. Und wenn schon dauernd von Nachhaltigkeit und Wachstum schwadroniert wird, dann sollte man die Kohle und das Gas nicht verteufeln. Denn diese fossilen Energieträger sind nicht nur nachhaltig und preiswert, sondern schaffen auch jede Menge Arbeitsplätze und tragen zum Wohlstand vieler Länder bei. Leider nur nicht mehr bei uns. Im Angesicht der geopolitischen Entwicklung (Russland, China, Ukraine, US-Zölle etc.) könnte sich das noch rächen.
Glückauf !