Quellenhinweise:
RAG-Pressemitteilung vom 29.06.2026 (rag.de); rvr.ruhr.de vom 30.06.2026; radioherne.de vom 29.06.2026; photon.info/news vom 01.07.2026; WAZ.de vom 30.06.2026 sowie RK-Redaktion vom 14.07.2026
Mit einem symbolischen Banddurchschnitt und prominenter Begleitung hat die RAG am 26. Juni 2026 auf der ehemaligen Schachtanlage Pluto/Wilhelm in Herne ihr neues Betriebsgebäude für die Grubenwasserhaltung offiziell eingeweiht. Mit dabei war auch Hernes Oberbürgermeister Frank Dudda, der das rund zehn Millionen Euro teure Gebäude gemeinsam mit RAG-Vorstandsmitglied Technik, Joachim Löchte, seiner Bestimmung übergab.
Der 1.700 Quadratmeter große Neubau ergänzt die bereits 2019 auf dem Zechengelände eingerichtete zentrale Leitwarte, von der aus künftig die sechs Grubenwasserstandorte im Ruhrgebiet überwacht und gesteuert werden. Damit baut die RAG ihre Infrastruktur für die sogenannten Ewigkeitsaufgaben weiter aus – jene dauerhaften Verpflichtungen des deutschen Steinkohlenbergbaus, zu denen vor allem die Grubenwasserhaltung gehört.
Und die hat es technisch durchaus in sich. Sollte auf einer der sechs Grubenwasserzechen einmal eine der rund zwölf Meter hohen und zwölf Tonnen schweren Tauchmotorkreiselpumpen ausfallen, muss es schnell gehen. Genau dafür dient das neue Logistikzentrum. Rund 50 Pumpen und Elektromotoren stehen dort künftig ebenso auf Abruf bereit wie umfangreiche Ersatzteile und weiteres technisches Equipment. Ziel sind kürzere Reaktionszeiten und eine effizientere Versorgung der Standorte.
Das Gebäude selbst ist modern ausgestattet: Photovoltaikanlagen auf dem Dach, eine Kaue für 40 Beschäftigte sowie Besprechungs- und Büroräume sollen den täglichen Betrieb erleichtern und die Arbeitsbedingungen verbessern.
So weit die Fakten.
Weniger nüchtern fiel dagegen die Einordnung des Projekts durch RAG-Technikvorstand Joachim Löchte aus. Das neue Gebäude sei weit mehr als ein Betriebsgebäude, erklärte er. Es stehe für Nachhaltigkeit, gelungenen Strukturwandel, die Verbindung von Vergangenheit und Zukunft und sei ein weiterer Baustein auf dem Weg zu einer grünen Industrieregion.
Solche Formulierungen gehören inzwischen fast schon zum Standardrepertoire bei öffentlichen Einweihungen der RAG. Zweifelsohne erfüllt das neue Betriebsgebäude eine wichtige Aufgabe: Es macht die Organisation der Grubenwasserhaltung effizienter und erhöht die Betriebssicherheit einer Daueraufgabe, die das Ruhrgebiet noch auf Generationen begleiten wird.
Ob daraus allerdings gleich ein Beleg für den gelungenen Strukturwandel oder gar den Aufbruch in eine grüne Industrieregion wird, darf durchaus hinterfragt werden. Denn jenseits wohlklingender Begriffe bleibt die wirtschaftliche Realität im Ruhrgebiet eine andere.
Seit der Stilllegung der letzten Steinkohlenzeche Ende 2018 wartet das Revier noch immer auf jene große industrielle Dynamik, die die verloren gegangenen Arbeitsplätze ersetzt. Moderne Betriebsgebäude, Photovoltaikanlagen und optimierte Logistik sind sinnvoll und notwendig – sie schaffen jedoch keine Hunderttausende neuer Industriearbeitsplätze, die viele Kommunen im Ruhrgebiet nach wie vor dringend benötigen.
Wir denken da z. B. an die ehemalige Brgbaustadt Gelsenkirchen (Stadt der 1000 Feuer ) mit einer Arbeitslosenquote von 16 % oder an die ehem. Bergbaustadt Recklinghausen mit einer Arbeitslosenquote von 13 %. Duisburg mit einer Arbeitslosenquote von 13,3 %, Marl mit einer Arbeitslosenquote von 10,7 % und Bottrop von 8,2 %. Zum Vergleich: die bundesweite Arbeitslosenquote liegt bei 6,2 %. Allerdings sind darin nicht die SGB-II-Emfpänger eingebunden.
Von den rd. 12 Zechen, die zwischen 1999 bis 2018 stillgelegt wurden, arbeiteten im Durchschnitt rd. 2400 Bergleute auf jeder Anlage. Nach dem Abwurf und der Stilllegung haben sich dort überwiegend Logistikunternehmen und kleine Mittelstandsbetriebe angesiedelt. Meistens sind es zwischen 200 und 800 Mitarbeiter, die durch die Bank schlechter bezahlt werden als die Bergleute vorher.
Außerdem handelt es sich in den meisten Fällen auch nicht um Neuansiedlungen, sondern um Umzüge. Die Mitarbeiter kommen meistens ebenso nicht aus der Bergbaustadt, so das auch kaum Kaufraft entwickelt werden konnte. Auch das gehört zur Wahrheit dazu.
Das neue Betriebsgebäude in Herne ist deshalb vor allem das, was es tatsächlich ist: ein hochmodernes Service- und Logistikzentrum für die Ewigkeitsaufgaben des Bergbaus. Nicht mehr – aber eben auch nicht weniger.
Glückauf !

