Chance und Risiko zugleich
Mit dem Eigentümerwechsel der historischen Zeche Schlägel & Eisen in Herten beginnt ein neues Kapitel für eines der markantesten Industriedenkmäler im nördlichen Ruhrgebiet. Die Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur hat das Ensemble aus Fördergerüsten, Maschinenhaus und Lüftern an den Hertener Unternehmer und Gastronomen Andreas Weidner übergeben. Seit Jahren betreibt er auf dem Gelände bereits die Eventlocation „Schwarzkaue“. Nun soll er auch die Zukunft des gesamten Denkmals prägen.
Die Stiftung hat damit eine Aufgabe abgeschlossen, die vor über drei Jahrzehnten begann: Seit 1995 wurden zentrale Teile der Anlage gesichert, restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – unterstützt durch rund 4,97 Millionen Euro Fördermittel des Landes Nordrhein-Westfalen.
Der Verkauf markiert also nicht nur einen Eigentümerwechsel, sondern auch einen Rollenwechsel: von der öffentlichen Denkmalrettung zur privatwirtschaftlichen Weiterentwicklung.
pflegen, erinnern, nutzen Die Zukunft von S & E
Der Schritt kommt nicht überraschend. Die Stiftung verfolgt seit ihrer Gründung das Ziel, industrielle Denkmäler zunächst zu sichern und anschließend einer dauerhaften Nutzung zuzuführen.
Nach mehr als 25 Jahren Sicherungs- und Sanierungsarbeit sieht sie diese Phase bei Schlägel & Eisen offenbar als abgeschlossen an.
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Hinzu kommen mehrere pragmatische Gründe:
1. Nutzung statt Stillstand
Denkmalpflege allein belebt ein Gelände nicht. Gerade kleinere Standorte im Ruhrgebiet kämpfen damit, dauerhaft Besucher anzuziehen. Ein Betreiber mit wirtschaftlichem Interesse kann hier neue Impulse setzen.
2. Ein Käufer aus dem eigenen Umfeld
Mit Andreas Weidner übernimmt kein Unbekannter. Er ist seit Jahren auf dem Gelände aktiv und hat mit der Schwarzkaue bereits bewiesen, dass sich Industriekultur und Eventnutzung verbinden lassen. Weidner ist allerdings kein gelernter Gastronom, sondern GF der Firma Weidner Wassertechnik GmbH aus Herten.
Für die Übernahme hat Weidner nur ganze 290.000,00 Euro auf den Tisch der Denkmalstiftung legen müssen. Ein Schnäppchen sozusagen. Allerdings mit der Verpflichtung, das Denkmal zu hegen, zu pflegen und weiter zu nutzen. Das kann richtig ins Geld gehen. Weidner übernimmt daher eine hohe Verantwortung und ein hohes Risiko.
3. Öffentliche Mittel sind begrenzt
Die Stiftung betreut zahlreiche Industrieanlagen im Ruhrgebiet. Wenn ein Standort strukturell gesichert ist, kann eine Übergabe an private Betreiber Ressourcen für andere Denkmäler freisetzen.
Die Pläne des neuen Eigentümers klingen zunächst vielversprechend. Geplant sind unter anderem:
ein Biergarten auf dem Gelände
Besteigungen des rund 65 Meter hohen Förderturms
Stellplätze für Wohnmobile
eine dauerhafte Ausstellungsfläche zur Geschichte der Zeche
zusätzliche Angebote für Radfahrer entlang der „Allee des Wandels“
Die Idee dahinter ist klar: Industriekultur soll nicht nur museal präsentiert werden, sondern ein Ort zum Verweilen, Essen, Feiern und Erleben sein.
Gerade für Herten könnte das eine Chance sein. Die Stadt gehört zu den strukturschwächeren Kommunen im nördlichen Ruhrgebiet und sucht seit Jahren nach neuen Identitäts- und Besuchermagneten.
So nachvollziehbar die Hoffnung auf private Dynamik ist – Risiken gibt es reichlich.
Erstens: Industriekultur funktioniert selten als Ganzjahresgeschäft. Ein Biergarten, Turmaufstiege und Radfahrerströme bringen vor allem in den Sommermonaten Leben. Der Rest des Jahres droht ruhig zu bleiben.
Zweitens: Eventnutzung kann schnell zur reinen Kulisse werden. Wenn Industriebauten nur noch Hintergrund für Hochzeiten, Firmenfeiern und Gastronomie sind, verliert der Ort leicht seinen historischen Kern. Zollverein XII in Essen macht das deutlich.
Drittens: Ein einzelner Betreiber trägt ein großes wirtschaftliches Risiko. Wenn die Besucher ausbleiben oder Investitionen teurer werden als geplant, fehlt ein öffentliches Sicherheitsnetz.
Zwischen Denkmal und Freizeitpark
Die zentrale Frage lautet daher: Wird die Zeche ein lebendiger Ort der Industriekultur – oder nur ein Fotomotiv mit Biergarten?
Eine kluge Balance wäre entscheidend. Die geplante Ausstellungsfläche, möglicherweise betrieben durch lokale Geschichtsinitiativen, könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Denn ein Denkmal lebt nicht nur von Gastronomie, sondern auch von Erinnerung.
Quellenhinweise:
RAG-Pressemitteilung vom 12.02.2026; industriedenkmal-stiftung.de vom 16.01.2026; WAZ.de vom 16.01.2026; halloherne.de vom 16.01.2026; Hertener Allgemeine vom 17.01.2026; ruhr-journal.de vom 23.01.2026, rvr.ruhr.de vom 16.01.2026 sowie RK-Redaktion vom 14.04.2026
Fotonachweise:
Header: Hinter-und Vordergrund: Youtube-Screenshot; Gestaltung: Revierkohle; darunter links: Youtube-Screenshot; rechts darunter (Blick in den Schankraum der ehem. Schwarzkaue): Youtube-Screenshot; links darunter: Youtube-Screenshot