1847 bis 1993

Zollverein

Die Industriealisierung der Essener Stadtteile Katernberg,Stoppenberg und Schonnebeck

Wir schreiben das Jahr 1834. Dem Industriellen Franz Haniel und seinen Mannen gelang es in Essen-Schonnebeck zum ersten Mal, die Mergelschicht zu durchstoßen. Auf diese Weise wurden die Weichen für Europas größte und schönste Zeche gestellt.  Dann gründete er die bergrechtliche Gesellschaft Zeche Zollverein und verteilte Kuxe (Anteilsscheine) innerhalb der Familie. Das waren ebenfalls  schwerreiche Industrielle. „Allerdings sah es am Anfang des 19.Jahrhunderts nicht so aus, als ob die Niederungen von Ruhr, Emscher und Lippe die größte Montanregion Europas werden würden. In der Wende vom 18. zum 19.Jahrhundert lebten weniger als 300.000 Menschen auf dem Gebiet des heutigen Ruhrgebiets. Die größte Stadt war Duisburg mit 5300 Einwohnern. Mülheim hatte etwa 5000 Einwohner und war damit größer als Essen mit 4500 Menschen. Bochum mit knapp 2100 Einwohnern war kleiner als Bottrop mit 2200. Gelsenkirchen mit 500 oder Herne mit 750 Einwohnern waren eher Dörfer als Städte und damit mit den Städten des Rheinlandes, wie z.B. Köln oder Krefeld, oder gar Frankfurt und Berlin nicht zu vergleichen.“*

1847 legte Franz Haniel dann richtig los. Schacht 1 wurde niedergebracht und auf 130 Meter Teufe sollte das unverritzte Steinkohlengebirge aufgefahren werden. Schacht 2 ging 1852 und Schacht 3 1882 in Betrieb. Der lange Zwischenzeitraum erklärt sich durch massive Wassereinbrüche. Damals war die Dampfmaschine zwar soeben erfunden worden, aber  die Grubenwasserhaltung war noch äußerst primitiv. Der Grundbesitzer, auf dem die Schachtanlage 1/2/8 noch heute steht, war ein gewisser Herr Bullmann. Daher rührt auch der Name „Bullmannaue“.  In der ehemaligen Verwaltung an der Bullmannaue befindet sich heute die Stiftung Zollverein.   

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Franz Haniel dachte bei der Wahl des Standortes natürlich auch darüber nach, wie die Kohle am schnellsten zu den Abnehmern kommen kann. Und so traf es sich gut, dass 1843 in Köln die Köln-Mindener-Eisenbahn AG gegründet wurde, die 1847 dann eine Trasse unmittelbar an der Schachtanlage eröffnete und bis zur Zeche Bonifacius weiterführte.  Die Kohle der zu diesem Zeitpunkt bereits bestehenden weiteren Zechen wurden neben der Köln-Mindener-Eisenbahn noch von der Deutz-Gießener-Eisenbahn, Hamburg-Venloer-Bahn und der Emschertalbahn befördert. 

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1882 ging in Essen-Katernberg Schacht 3 in Betrieb. Das Karbon erreichte man zu dieser Zeit in 117 m Teufe. Bereits 1890 wurden über diesen Schacht 1 Mio. T Kohle gefördert. Die Lebens-und Arbeitsbedingungen waren über und unter Tage, verglichen mit den heutigen Standards, miserabel. Das Plumpsklo befand sich meist gleich neben dem Schweinestall. Die Jauchegrube für Tier und Mensch wurde zur Düngung des Gartens verwendet. Die Bergleute hatten oft mehr als 5 Kinder und lebten in beengten Verhältnissen. Wenn sie entlassen wurden, verloren sie gleichzeitig auch das Wohnrecht in der Zechensiedlung. Die schlechte Trinkwasserversorgung führte 1866 zu einer Cholera-Epidemie. Erst 1899 wurde die Emscher-Genossenschaft gegründet, um die Abwasserentsorgung zu verbessern. Unter Tage arbeitete man mit der Panschippe sowie mit Schleagel und Eisen. Im Gedinge wurde die losgemachte Kohle nach Metern bezahlt. Durch Schlagwetterexplosionen und Wassereinbrüche bedingt war der Tod  ständiger Begleiter. Otto Wohlgemuths-Gedichtband „des Ruhrlandes Rauch“von 1920 beschreibt die oft traurige Situation der Bergleute in drastischer Weise.

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1891 begannen die Teufarbeiten von Schacht 4. Das Karbon erreichte man in 129 Meter Teufe. Für die Wetterführung wurde 1895 Schacht 5 abgeteuft. Die Kohlenaufbereitungsanlage ging 1894 in Betrieb. Um die Förderung weiter zu steigern, teufte man 1922 Schacht 11 ab, der 1928 in Betrieb geht. Schacht 5 wird 1932 verfüllt, da man ihn nicht mehr benötigte. 

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1897 ging Schacht 6 in Betrieb. Über dem Schacht befand sich ein Doppelstrebengerüst. Das Karbon erreichte man in 109 Meter Teufe. Interessant ist, dass von dieser Anlage die Kohle mit einer Schleppseilbahn zur Schachtanlage 1/2/8 transportiert wurde. Ab 1929 wird die Kohle dann unter Tage zur Schachtanlage 1/2/8 weitertransportiert und die Anlage 6/9 stillgelegt. Schacht 6 wird 1975 und Schacht 9 1982 standfest verfüllt. Die Fördergerüste werden niedergelegt. Heute ist die Fläche „Im Natt und Hallostrasse“ in Essen- Katernberg mit Wald bedeckt. Neben dem ehemaligen Schachtstandort wurde eine Neubausiedlung errichtet. Dadurch wurde das Erinnern unmöglich gemacht.

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Zwischen 1891 und 1896 entstand an der Grenze Essen-Katernberg/ Gelsenkirchen-Heßler die Schachtanlage 4/5, wobei Schacht 5 nur der Bewetterung diente. 1899 wurde Schacht 7 und 1900 Schacht 8 niedergebracht. An Schacht 7 erinnert heute nur noch eine Protegohaube, die  als Flammendurchschlagssicherung mittels Ventilsteuerung die immer noch ausströmenden Methangase an die Umgebungsluft abgibt. Schacht 8 ist erhalten geblieben und für die Grubenwasserhaltung  noch in Betrieb. Das Fördergerüst über Schacht 10 ist als Denkmal erhalten geblieben.

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1903 ging Schacht 9 und 1914 ging Schacht 10 in Betrieb. Zu dieser Zeit förderte die Zeche bereits 2,32 Mio. T Steinkohle mit 6.525 Beschäftigten. In dieser Zeit ging auch die Kokerei auf der Anlage 4/5/11 in Betrieb. Die Schachtanlage wurde wie die Anlage 1/2/8 erneuert.

1928 begann die Gelsenkirchener-Bergwerks AG, zu der die Zeche Zollverein damals noch gehörte, mit dem Neubau einer Zentralförderschachtanlage. Mit einer Förderkapazität von 12.000 T Kohle täglich übernahm 1932 der neue Schacht 12 die gesamte Kohlenförderung der bis dahin einzeln agierenden vier Anlagen mit 11 Schächten. Die Industriearchitekten Schupp und Kremmer bauten die Anlage im Stile der neuen Sachlichkeit streng funktional auf. Das Doppelbockfördergerüst über Schacht 12 wurde 1930 in genieteter Vollwandbauweise errichtet. Die Übertagegebäude wurden in Stahlskelett-Fachwerkbauweise mit Backstein-Ziegelausfachung sowie mit horizontalen und vertikalen großen Fensterbändern erbaut. Die Förderung wurde 1932 aufgenommen.

Bis 1937 konnte die Förderung auf 3,6 Mio. T Steinkohle gesteigert werden. 6900 Bergleute arbeiteten zu dieser Zeit auf der Zeche. Dann kam der 2. Weltkrieg. Auf Zollverein wuden Baracken für Fremd-und Zwangsarbeiter aus Polen,Russland und der Ukraine errichtet. 1944 lag der Anteil an Fremd-und Zwangsarbeitern bei rd. 40 %.  Französische Zwangsarbeiter durften sich frei bewegen und erhielten sogar Dünnbier. Polen und Russen lebten dagegen in Gefangenenlagern auf der Schachtanlage 3/7/10.   Den zweiten Weltkrieg überstand die Zeche fast ohne Beschädigungen. Sie ging in den Besitz der Rheineelbe Bergbau AG über.

1961 wurde eine Zentralkokerei mit 192 Ofenbatterien in Betrieb genommen und 1970 auf 304 Öfen erweitert. Zu dieser Zeit boomte das Wirtschaftsleben wieder und die Zeche bezahlte nicht nur gute Löhne, sondern  baute auch die Zechensiedlungen an der Knappen-,Brüggemannn und Schlaegelstrasse aus. Zu den Häusern gehörten rd. 300 qm große Gartengrundstücke mit Taubenschlag.

In den 1960er Jahren warben die Zechen in der Türkei u.a. Ländern neue Arbeitskräfte an. Da die Zechen gute Konditionen boten, kamen diese als sog. Gastarbeiter massenweise ins Ruhrrevier. Wer als Jungbergmann angelegt wurde und im Revier noch keine Heimat hatte, wurde in das sog.“Bullenkloster“ eingewiesen. Es handelte sich dabei um die zecheneigenen Ledigenheime. Eines davon kann heute noch auf der Zeche Lohberg in Dinslaken besichtigt werden.

Die Zechenleitung bemühte sich nach Kräften, die ausländischen Neuankömmmlinge zu integrieren. Es wurden Deutschkurse angeboten, alle Beschilderungen unter Tage wurden in Deutsch und Türkisch verfasst und man nahm Rücksicht auf moslemische Glaubensvorstellungen. 76 Busse waren im Werksverkehr täglich unterwegs, um die Kumpels zu den verschiedenen Schachtanlagen zu bringen. 

1968 wurde die Zeche dann in die neu gegründete Ruhrkohle AG (siehe unsere gesonderte Seite) überführt. Die große Zeit der Rationalisierung und Mechanisierung begann.

Der Weg führte vom Flottmann-Bohrhammer (rd. 40 kg schwer !) zum vollautomatischen Schreitausbau. Allerdings setzte in dieser Zeit auch das große Zechensterben aufgrund des preiswerten Öls ein. Dennoch förderte Zollverein 1968 noch 3 Mio. T Kohle jährlich. Eine Glanzleistung.

1974 erfolgte der Durchschlag zum Grubenfeld der Zeche Holland 3/4/6 in Wattenscheid (heute Denkmal). Schacht Holland 3/4/ wurde anschließend aufgegeben. 1982 ging man einen Förderverbund mit der Zeche Nordstern 1/2 in Gelsenkirchen-Horst ein. Das Verbundbergwerk Nordstern-Zollverein erreichte noch einmal 3,2 Mio. T Förderleistung im Jahr. Dann  gab es Absatzeinbrüche und die Kohlerunde in Bonn beschloss die Aufgabe des Förderstandortes Zollverein XII.

Am 23. 12. 1986 wurden dann alle verbliebenen Anlagen stillgelegt. Die Kokerei Zollverein wurde noch bis 1993 weiter betrieben.

Anschließend sanierte die Bauhütte Zeche Zollverein Schacht XII GmbH im Auftrag des Landes NRW die Anlage. Am 14.12.2001 wurde der gesamte Funktionsverbund in das UNESO-Kultur-und Naturerbe der Welt aufgenommen.

Seit dem wird das Gelände und die Zeche kommerziell genutzt. Es entstanden zahlreiche Neubauten. Die dadurch bewirkten Eingriffe in den historischen Zechenbestand und die Verschrottung zahlreicher Maschineneinrichtungen und Fassadenänderungen haben dazu geführt, das die typische Zechenatmosphäre verloren gegangen ist. Der Verlust an Originalsubstanz und Anmutung macht den Ort heute weitestgehendst  zu einem Eventort.

Oder um es in den Worten unseres Mitglieds und Kulturhistorikers, Prof. Dr. Roland Günter, zu sagen: die feinen Ausprägungen des Systems Zeche und Arbeitswelt, also ihre Ästhetik im Sinne einer Ikonographie, wurden durch die starken Eingriffe beschädigt. Die Authentizität des Ortes hätte man behutsamer bewahren müssen. Dazu hätte z.B. gehört, dass man Gebäude oder Maschinen einfach sich selbst überlässt.  Auch das ist  eine Form, welche das Erinnern emotional bestärkt. Gewerbeflächen stellen dagegen  fast immer einen Bruch mit alten Strukturen dar, die nur wenige Zeichen setzen.   

Trotz dieser u.E.n. richtigen Kritik sei positiv vermerkt, dass von den ehemals 122 Zechen an Rhein und Ruhr sowie 18 Zechen im Achener, Ibbenbürener und im saarländischen Revier zwar nur sehr wenige Zechen übrig geblieben sind.  Die Zeche Zollverein ist aber die einzige Zeche, die weitestgehendst im Funktionszusammenhang erhalten geblieben ist.

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Aktuelle Veranstaltungen

Zeche Zollverein XII, Ruhr-Museum, Kokerei Zollverein

Quellenhinweise:

Hermann, Wilhelm und Gertrude: die alten Zechen an der Ruhr, 6. Auflg., Königstein/Taunus 2008, S. 217 f; Bieker, Josef, Föhl, Axel u.a.: Industriedenkmale im Ruhrgebiet, 2. Auflg., Hamburtg 1999,S. 18ff; Rabas, Karlheinz, Rubach, Karl-Albert: Bergbauhistorischer Atlas für die Stadt Essen, Förderverein Bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier e.V. (Hrsg.) Werne 2008, S.96 f; Industriedenkmal.de; Ruhrkohle-Werkszeitschrift 1970; N.N.: Welterbe-Industrielle Kuturlandschaft der Zeche Zollverein, Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichte (Hrsg.), Dortmund 2002; S. 18 ff; N.N.: Vom Leben mit der Kohle; Essen ,  Klartext-Verlag o.J.; *) zit.n. Christoph, Jan (Author): Ruhrgebiet im 19. Jahrhundert, Schulaufsatz, München 2001, S. 1 ff, GRIN-Verlag; Günter, Roland: Besichtigung unseres Zeitalters- Industrie-Kultur in NRW, Essen 2001, S. 19 f , S. 97 und S. 441 f

Fotonachweise:

Header (ganz oben): Revierkohle

links darunter: Grafik: Bergbausammlung Rotthausen ; Zollverein 1/2/8: Revierkohle;Kokerei Zollverein 3/7/10 von 1914 und Zollverein 4/11von 1935:  Bergbausammlung Rotthausen; in: Rabas, Karlheinz/ Rubach, Karl-Albert: derslb.; Zollverein 4/5/11, Werkstatt u. Ausbildungsgebäude (heute Fa. Triple Z AG): Michael Twiste; Zollverein Schacht 8: Revier-kohle; Schacht 10: Simplicius, GNU, CC-BY-SA-3.0, wikimedia commons; Protegohaube: Revierkohle; darunter: Zollverein XII mit MaschH: Revier-kohle; wartende Werksbusse; türkische Gastarbeiter: Jungbergleute auf dem Weg zur Kaue; Kokerei Zollverein bei Nacht: Ruhrkohle-Werskzeit-schrift;  ganz unten rechts: Grafik Koksofenbatterie, Fa.Still, in: Merian 8/33 von 1963